Leonce und Lena

oder: Von der Kunst, ein Narr zu werden!

„Warum muss gerade ich es wissen?!“ – Der junge Prinz Leonce durchschaut die Hohlheit etablierter Wichtigtuer. „Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden?“ Auf keinen Fall! Zum Glück trifft er den Lebenskünstler Valerio, der ihn in der Kunst des Narr-Seins unterrichtet. Es liegt auf der Hand: Nur als Narr kann man der Narrheit der Welt begegnen. Als er auch noch eine wildfremde Prinzessin heiraten soll, entschließt er sich zur Flucht.
 
Unterwegs trifft er Lena – eine junge Frau, die ebenfalls alles hingeworfen hat, um ihrem vorbestimmten Schicksal zu entfliehen. Beide staunen: Ist da doch eine Stimme, die antwortet? So begegnen sich zwei junge Leute, die mit nüchternem Blick die Welt durchschauen, aber närrisch genug sind, Utopien zu haben.

 
Kaum jemand hat die Widersprüche seiner Zeit so klar gesehen wie Georg Büchner. Er begriff den Menschen als unfreies Wesen, bedrängt von Armut, Tyrannei und dunklen Trieben. Von der Polizei verfolgt, von Krankheit geplagt, schrieb Büchner im Exil eine leichte, helle Komödie: Ein Marionettenspiel, ein Narrenstück, das mit dem Entsetzen Spott treibt. „Ich fühle mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte!“, schreibt Büchner in einem Brief. In einer Welt, die eigentlich unrettbar scheint, hilft es nur, sich ihrer Logik zu widersetzen, wenn man dem Verhängnis ein Trotz Alledem entgegensetzen will. Der Logik der Welt entgegenzustehen aber heißt, ein Narr zu sein. Unserer Hoffnung ruht auf jungen Leuten wie den Protagonisten unseres Stücks, die ihre Situation erkennen und der Ausweglosigkeit zum Trotz dennoch ihre Freiheit behaupten.

Können abhängige, unterdrückte, fremdgesteuerte Menschen überhaupt Akte der Freiheit begehen? Büchner hat für die Determiniertheit des Menschen gerne die Metapher der Marionette benutzt: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen.“ Die Theaterform der Marionette drängt sich also geradezu auf, um Büchner auf der Bühne zu verhandeln. Denn auch die scheinbar gänzlich determinierte Marionette vermag Dinge, die wir ihr nicht zugetraut hätten. „Der Einzelne nur Schaum auf der Welle“, schreibt Büchner , „die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel.“ – Also spielen wir, um Büchner in unsere Zeit zu bringen. Zwischenspiele aus Briefen und anderen Dokumenten zeigen Momente aus Büchners kurzem Leben und werfen Schlaglichter auf die Umstände der Stückentstehung. Ein lebensgroßer Geier, gebildet aus Fesseln und Stricken, betrachtet unablässig das Geschehen auf der Bühne. Wird er satt werden am Ende des Stücks? Wir werden es sehen.

 

Spiel: Heike Klockmeier & Stephan Wunsch
Regie: Dietmar Staskowiak
Figuren: Jürgen Maaßen, Stephan Wunsch
Bühne: Jürgen Maaßen
Musikbeglietung auf der Laute: Stephan Wunsch

Spieldauer: 90 Minuten mit Pause

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien